
15 Jahre vergeudet.
Zwei Goldmedaillen, fünfmal Silber und dreimal Bronze, insgesamt zwei erfolgreiche Weltmeisterschaften und drei Olympia-Teilnahmen mit Schweiß und Tränen erkämpft, innerhalb von fünf Sekunden verloren.
Es hatte bloß sechs Worte gebraucht, um Ruhm und Ansehen hinwegzufegen.
Sechs Worte, um sein Leben zu zerstören.
Jetzt war er wieder dort gelandet, wo er hergekommen war: in der Gosse. Kevin Baumann, oder einfach nur Platte, war Deutschlands bekanntester Sportler und auch international eine bekannte Größe. Aus einfachen Verhältnissen stammend, hatte ein hellsichtiger Sozialarbeiter das sportliche Potential erkannt, das in dem verwahrlosten Jungen steckte, der den Vater an den Krebs und die Mutter an den Alkohol verloren hatte.
Es folgte die Bilderbuchgeschichte, wie sie der klischee-behaftetste Autor nicht besser hätte erdichten können: erfolgreiche Jugendmeisterschaften, erfolgreicher Alkoholentzug, erfolgreiche – und hübsche – Freundin Monika. Dann wurde Monika seine Frau und er Vater von 2 Kindern, einem Mädchen und einem Jungen. Mit der belegten Stimme, wenn er von seiner Kindheit sprach und davon, ein besserer Vater sein zu wollen, der Schlagfertigkeit und seinem Humor war er gern gesehener Gast in Talkshows. Bei der Promi-Ausgabe von WWM hatte er zugunsten der Kindersporthilfe eine halbe Million gewonnen, ein halbes Jahr später bei den Spielen in Athen seine erste olympische Goldmedaille erstritten.
Platte hatte ganz zweifellos auf dem Gipfel des Olymps gestanden – und war jetzt in Hades unerbittlicher Unterwelt gefangen.
„Ich esse lieber Äpfel als Birnen“, hatte sein Kommentar unter dem verhängnisvollen Foto gelautet. Es zeigte ihn, wie er lachend in einen Apfel biss – die Birne lag achtlos am Rand des Frühstückstisches. Halb zehn morgens, eigentlich musste jeder bei der Arbeit sein, und doch überschlugen sich die Nachrichten. Im Sekundentakt ploppten neue Zings auf seinem Handy auf. Wurde er sonst mit Aufmunterungen, Zuspruch oder Glückwunschen überschüttet, war es nun zuerst Unverständnis, dann Wut, dann Hass. Die Kommentare waren ausnahmslos wüst. Was er sich eigentlich einbilde? Wie ein gefeierter Sportler, Idol einer Nation und Vorbild der Jugend, es sich erlauben konnte, Äpfel zu bevorzugen? Wie er mit seiner medialen Verantwortung wagen könne, Birnen vor aller Augen als weniger essenswert darzustellen?
Kevin fragte sich, was er bloß verbrochen hatte. Ein harmloser Kommentar hatte alles verändert. Je länger er las, desto härter wurde der Tonfall, desto wüster wurden die Beleidigungen. „Hast wohl selber keine helle Birne“ – darüber hatte er noch geschmunzelt, aber das Lachen war ihm schnell vergangen.
Erste Kollegen begannen sich von seinem Zing zu distanzieren. Sie würden Birnen genauso schätzen wie Äpfel, war der einstimmige O-Ton. Sein Manager ließ verlauten, er schäme sich nicht, Birnen zu Essen – und das sei auch gut so. Der Shit-Storm weitete sich aus, der Beitrag war inzwischen hundertmal öfter geteilt und weitergeleitet worden, als es üblich war. Der Sportverband forderte, der Straße, die in seinem Geburtsort nach ihm benannt worden war, wieder ihren alten Namen zu geben. Kritiker forderten seinen Rücktritt.
Nach ein paar Tagen kamen seine Kinder verheult aus der Schule. Sie waren als missratene Bälger eines malophoben Vaters beschimpft worden waren. Keiner ihrer Klassenkameraden hielt zu ihnen, keiner wollte ebenfalls zum Mobbingopfer werden. Die Kanzlerin ließ verlauten, es sei bedauerlich, dass gerade er, der Aufsteiger, der Held, der das Unmögliche wahr gemacht hatte, ein solch veraltetes Obstbild besäße. Seine Frau konnte mit dem öffentlichen Druck nicht mehr umgehen, ging zuerst zum Therapeuten, dann zum Scheidungsanwalt.
Kevin stand da, und wusste nicht, was er tun wollte. Nichts hatte ihn auf eine Situation wie diese vorbereitet.

Der Papst erklärte, aus kirchlicher Sicht sei eigentlich sogar die Birne zu bevorzugen, man denke an den Sündenfall. Aber selbstverständlich sei man bereit, auf Kevin zuzugehen und ihm zu vergeben, wenn er sein Verhalten bereue. Die Weltdopingagentur las in seinem Zing ein verstecktes Geständnis und begann zu ermitteln. Investigative Journalisten wirbelten auf der Suche nach einem traumatischen Erlebnis in seiner Kindheit, das alles erklären würde, Staub und Leid auf, das Kevin nicht noch einmal durchleben wollte. Fragen nach seinem Entzug, nach möglichem Drogenkonsum wurden gestellt. Eine der größten Firmen brachte innerhalb einer Woche zu stolzen Preisen eine Solidaritätsversion ihrer Produkte heraus – man hatte den angebissenen Apfel durch eine angebissene Birne ersetzt. Silberlöwe sponserte ihn nicht mehr, Werbeverträge wurden gecancelt. Der einzige, der öffentlich zu ihm hielt, war der Regierungschef von Belana.
Erstens war der aber eigentlich ein Diktator, und zweitens tat er das nur, weil in Belana nur Äpfel und keine Birnen wuchsen. Und weil die Welt ihn nicht besonders schätzte, führte das nur zu noch spekulativeren, blödsinnigeren Schlagzeilen in der Boulevardpresse.
Als ihn wieder einmal eine Hundertschaft rasender Reporter belauerte, verlor Kevin die Beherrschung: „Habt ihr den Verstand verloren? Mir schmecken Birnen nun mal besser als Äpfel!“, brüllte er in die Mikrophone und Kameras, in die Livestreams dieser Welt.
Für fünf Sekunden herrschte Ruhe. Der Börsenhandel setzte aus, der Verkehr stoppte, die Welt hielt den Atem an. Dann fegte ein Shitstorm über den Planeten, der alles bisher Gewesene hinwegfegte.
Noch in der gleichen Nacht wurde die Tür seines Hauses aufgebrochen. Schwarz maskierte Eindringlinge drangen in seine Wohnung, in sein Schlafzimmer, und erstickten Kevin Baumann, das Hassobjekt der ganzen Welt, mit einer Birne. Am nächsten Morgen schleppte der Mob den toten Körper durch die Stadt, um ihn in einer öffentlichen Zeremonie zu beerdigen.
Dies war keineswegs als Anerkennung zu verstehen: auf seinem Grab sollte ein Birnbaum gepflanzt werden.


